Pogromgedenken in der Marienkirche

»Die einzelnen Menschen in Erinnerung rufen« - unter dieser Überschrift stand die diesjährige Gedenkstunde an jüdische Mitbürger, die am Samstag, 9. November, um 18.30 Uhr in der Marienkirche stattfand und von Schülerinnen und Schülern des Isolde-Kurz-Gymnasiums mitgestaltet wurde.

»Die Gedenkstunde war auf der Wirkung von Stille aufgebaut «, erläuterte Pfarrer Martin Burgenmeister, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Reutlingen, die diesjährige Gestaltung des Pogromgedenkens.

Schülerinnen und Schüler des Isolde-Kurz-Gymnasiums verlasen die Namen und Lebensdaten von 36 jüdischen Bürgern Reutlingens. Dazwischen erklang mehrfach Musik – mit immer weniger Instrumenten, bis Stille herrschte. Das Verlesen der Namen und das Entzünden einer Kerze rief jede und jeden Einzelnen in Erinnerung , der von den Nationalsozialisten umgebracht wurde.

Im Literatur- und Theaterkurs hatten die Schülerinnen und Schüler, die im nächsten Frühjahr Abitur machen werden, sich überlegt, wie die Verlesung der Namen gestaltet werden muss, damit die Einzelpersonen vergegenwärtigt werden, ohne dass lange Lebensbeschreibungen folgen.

Außer der Musik, die zwischen der Verlesung der Namen erklingt, war noch die Orgel zu hören sein und Maria Tušak trug solistisch ein Lied vor. Außerdem wurde als gemeinsames Lied »Freunde, dass der Mandelzweig wieder grünt und blüht« gesungen. Die Spenden an diesem Abend waren für Instandsetzungsarbeiten zum Erhalt des jüdischen Friedhofs in Wankheim bestimmt.

Von der Marienkirche aus zogen die Teilnehmer zum Abschluss in einer Lichterprozession zur Gedenktafel für die ermordeten Reutlinger Juden am Garten des Heimatmuseums. Dort sprach ein Mitglied der jüdischen Gemeinde ein Gebet zum Totengedenken, und es wurden die aus der Kirche mitgebrachten Kerzen abgestellt.

INFO:
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten durch gezielte Aktionen der SA in ganz Deutschland Synagogen, jüdische Läden und Wohnhäuser. Am 10. November begann mit der Verhaftung von 30 000 Bürgern jüdischen Glaubens die direkte Vernichtungsaktion des Holocaust. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Reutlingen ruft seit 1988 jährlich zu einer Gedenkstunde am 9. November auf. Seit einigen Jahren kann sich, weil wieder größer geworden, auch die jüdische Gemeinde beteiligen. Inhaltlich wird das Gedenken von jährlich wechselnden Schulen vorbereitet, die zugleich für die Beteiligung der Stadt Reutlingen stehen.

Jürgen Simon