Auf ein Wort vom 9. November, Pfarrer Sven Gallas

Was für ein Tag!

Der 9. November ist ein geschichtsträchtiges Datum – mit Licht und mit Schatten.
Wir erinnern uns an diesem Tag an die dunkle Zeit des Nationalsozialismus: Am 9.11.1938 wurden aus antisemitisch-rassistischen Motiven in ganz Deutschland Synagogen angezündet und jüdische Geschäfte zerstört. Was für ein Tag! Zum mahnenden Erinnern an die Ereignisse der Pogromnacht vor 81 Jahren fand in der Reutlinger Marienkirche wie in den Vorjahren eine Gedenkstunde statt....

Nie wieder darf so etwas in unserem Land geschehen, war bisher eine der Botschaften dieses mahnenden Gedenkens, das von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und jeweils einer Reutlinger Schule gestaltet wird. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle vor genau einem Monat und ein sich offensichtlich wieder einschleichender Antisemitismus in unserem Land: das entsetzt mich und macht mir Sorgen.
Aber dann auch das andere Datum: Heute vor 30 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 „fiel“ die Berliner Mauer, die 28 Jahre lang die Teilung Deutschlands manifestierte und an der viele Todesopfer zu beklagen waren. Die mit Todesstreifen bestückte Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten war ab diesem Zeitpunkt offen! Was für ein Tag! Voraus gingen Massenproteste in der ehemaligen DDR – die friedlich blieben! Dass die Überwindung der Mauer, dass diese Revolution ohne Blutvergießen geschehen konnte, hat sicherlich auch etwas mit dem jahrelangen Friedensengagement der Kirchengemeinden in der DDR zu tun. Ihre vielen Friedensgebete haben zu einem friedlichen Mauerfall beigetragen.
In der Reutlinger Marienkirche ist noch bis zum Volkstrauertag ein „Hoffnungsschwarm“ aus über 1.000 weißen Papiertauben zu sehen. Jede einzelne dieser Papiertauben ist in diesem Gemeinde- und Kunstprojekt ein Hoffnungszeichen dafür, dass Friede sein kann. Vor 30 Jahren ist etwas geschehen, das sich in diese Hoffnungszeichen einreiht. Auch in unsrer Gegenwart erkenne ich kleine Hoffnungszeichen: im Engagement vieler einzelner für den Frieden und für Mitmenschlichkeit, für Gerechtigkeit und Solidarität mit Benachteiligten, für die Bewahrung der Schöpfung – auch heute: Was für ein Tag!

Sven Gallas ist Pfarrer an der Marienkirche in Reutlingen