13.01.20

"Auf ein Wort" von Pfarrerin Melanie Scheede

Pfarrerin Melanie Scheede

„Was essen wir heute…?“

„Mmmhh, köstlich…!“ Beim Blick in mein neues Kochbuch läuft mir das Wasser
im Mund zusammen. Ich kann mich mal wieder nicht entscheiden, was ich als Nächstes kochen soll. Die Freiheit im Lebensmittel-Paradies Deutschland ist fast grenzenlos – und das zu jeder Jahreszeit.

„Was essen wir heute?“ – diese Frage klingt ganz anders, wenn ich mich nach einer bestimmten Ernährungsweise richten will oder muss. Und sie wird zum Kunststück, wenn in meiner Haushaltskasse ständig Ebbe ist.
Unser tägliches Brot ist abhängig vom Geldbeutel und vom Wohnort auf diesem Planeten.
Noch abhängiger aber sind wir alle davon, dass uns jemand gibt, was wir brauchen. Und das bezieht sich nicht nur auf das Essen.
Morgen beginnt in Reutlingen die Vesperkirche. Wenigstens in diesen vier Wochen muss sich niemand Sorgen um eine warme Mahlzeit machen. In die Vesperkirche kommen aber nicht nur Leute mit schmalem Geldbeutel. Auch Menschen auf der Suche nach Begegnung, Zuwendung und Respekt genießen die Gemeinschaft in der Vesperkirche. Dieses tägliche Brot gibt es nirgends zu kaufen. Wir können es nur untereinander verteilen, empfangen und weitergeben. Geben wir uns in dieser Hinsicht gegenseitig, was wir brauchen?
Der Bedarf an Zuwendung, Respekt und gutem Miteinander dürfte weiter verbreitet sein als es scheint. Auch im reichen Reutlingen.
Die Vesperkirche lebt von den vielen, die sich beteiligen. Die einen tun es durch praktisches Arbeiten, die anderen durch finanzielle Beteiligung. Wovon die Vesperkirche lebt, gilt auch für unser sonstiges Zusammenleben: Satt wird nur, wer einander hat.

Melanie Scheede (49) ist Pfarrerin in der Evangelischen Kreuzkirchengemeinde in Reutlingen.