Auf ein Wort vom 28. September 2019, Pfarrer Alexander Behrend

Pfarrer Alexander Behrend

Raten, ranken, eintaxieren.
Das Mittagsbuffet bei Thuy war prima - wie immer. Und die Chefin hat wieder alles dafür getan, damit wir uns wohlfühlen – was will man mehr!? Ich stehe gerade mal so auf dem Bürgersteig der Markstraße, da erinnert mich mein Smartphone daran, was mehr gewollt wird: Ich möge doch bitte „raten“, also durch einige Klicks meinen Besuch und damit auch Thuy bewerten. ...

Das würde sich bestimmt auch gut auf ihr „ranking“ auswirken, denn längst stehen die Restaurants in einem Wettbewerb untereinander und finden sich in Listen wieder, wer denn nun das beste im Umkreis sei.
Nicht nur vietnamesische Speisetempel, alles wird mittlerweile eintaxiert: Ihr Autohaus, Ihre Kirchengemeinde, Ihr Verein, Ihre Taxifahrt – alles, was Sie irgendwo erstehen, on- oder offline. Raten, ranken, eintaxieren – das ist längst zu einem Hintergrundrauschen unseres ganzen Lebens geworden.
Das ist manchmal hilfreich, von den Erfahrungen und Meinungen anderer zu profitieren. Und natürlich haben wir uns daran schon immer teilgegeben. Im digitalen Zeitalter jedoch übersetzen wir alles, was uns umgibt in Zahlen, letztlich in schlichte Einsen und Nullen.  Alles wird vergleichbar, berechenbar, bewertbar.
Im wahren Leben jedoch lassen sich Schulen, Restaurants, Kirchengemeinden und schon gar nicht Menschen nicht vergleichen und schon gar nicht bewerten und in Rangfolgen bringen. Bestenfalls können wir das mit irgendeiner Eigenschaft daran machen. Wir aber verwechseln das und nehmen für bare Münze und das wahre Leben.
Jesus sagte einmal sehr lapidar, wie das nicht selten seine Art war: „Richtet nicht!“ Er kannte sich offensichtlich damit aus, was auf die Leute einmal im digitalen Zeitalter zukommen würde. Und wie sie es lieben würden: das Raten, Ranken, Eintaxieren!
Und wahrscheinlich merken sie dann nicht einmal, wie ihnen manche Erfahrung durch die Lappen geht – nur, weil Thuy sich womöglich von irgendeinem missgestimmten Restaurant-Gast eine miese Bewertung eingefangen hat.
Misstrauen Sie und glauben Sie den Zahlen auf keinen Fall – vertrauen Sie sich selbst, schauen Sie selbst hin. Und machen Sie’s öfters wieder einmal, wie Jesus es uns vorgeschlagen hat. Dafür bekommt er jedenfalls fünf Sterne von mir.

von Alexander Behrend, 57,  Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Gönningen