Besonnenheit und Zuversicht

Pfarrerin Ursula Heller

„Corona–Zeit“ – eine Zeit des Aushaltens. Die Alltagsstrukturen brechen weg. Begegnungen, die wichtig sind, können gerade nicht stattfinden. Umarmungen, die so tröstend und hilfreich sein können, sind nur noch in Gedanken, nicht aber real möglich. Ich sehe mich mit Fragen konfrontiert, die beantwortet werden wollen. Was ist wichtig für mich im Leben? Auf was kann ich verzichten, auf was will ich aber nicht verzichten? Was ist für mich notwendig zum Leben?
Mit diesen Gedanken begegne ich in diesem Jahr in besonderer Weise auch den Fragen, die die kommende Woche, die Passionswoche stellt. Fragen an den eigenen Glauben, aber vor allem Fragen an das eigene Leben. Fragen nach Verantwortung, Freundschaft und Lebensmut.

Die Jünger im Garten Gethsemane, sie schlafen, während Jesus in der Stunde der Not dringend ihre wache Unterstützung gebraucht hätte. Judas, der Jünger, der glühende Anhänger Jesu, der ihn durch einen Kuss verrät. Pilatus, der Landpfleger, der Jesus nicht verurteilen möchte, weil er keine Schuld an ihm findet, er wäscht seine Hände in Unschuld. Petrus, der Jesus nie im Stich lassen möchte, ausgerechnet er verleugnet seinen Freund Jesus. Szenen des Leidensweges Jesu, Szenen aus Jesu Passion, die betroffen machen, denn sie treffen mitten ins Herz. Aus keiner dieser Szenen können wir Zuschauenden uns distanziert heraushalten. Bei jeder Szene stellt sich die Frage: „Wie hätten wir gehandelt? Welchen Mut hätten wir gezeigt? Wo waschen wir uns vornehm unsere Hände in Unschuld?“

Alles Fragen und Herausforderungen, die erst einmal auszuhalten sind. Jesus hat den Weg seiner Passion, seines Leidens nicht einfach durchlaufen. Er hat diese Zeit, dieses Leiden ausgehalten. Sich der Trauer, dem Verlassenwerden, der Verzweiflung gestellt. Nicht zu wissen, was da noch kommt, ist keine leichte Übung. Gerade sind wir regelrecht hineingeworfen etwas auszuhalten, was nicht so einfach wieder verschwindet. Was nachhaltige Veränderungen mit sich bringen kann, die noch nicht abzusehen sind.
Einer meiner Lieblingsverse aus der Bibel passt hier wie kein anderer:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Tim. 1, 7). Dieser Vers gibt mir Kraft und Mut, in persönlichen, aber auch in gesellschaftlichen Trauerzeiten nicht in Teilnahmslosigkeit und Mutlosigkeit zu verfallen, sondern mit Besonnenheit und Zuversicht zu schauen, was mir, was uns Menschen möglich ist. Da steht nicht Egoismus an erster Stelle, sondern Rücksichtnahme, Solidarität und Hinschauen, wo ich selbst unterstützend wirken kann.

Ich wünsche uns in dieser Zeit die Möglichkeit, in uns hineinzuhören, unsere eigenen existenziellen Bedürfnisse wahrzunehmen, um dann einen offenen Blick für die Nöte meines Gegenübers zu haben. Und sich trotz allem an dem beginnenden Frühlingserwachen zu freuen und daraus Mut, Kraft und Zuversicht zu schöpfen.  

Schenken wir uns diese Freude mit einem Lächeln für jeden Menschen, an dem wir vorrübergehen. Um dann jeder und jede für sich aber innerlich verbunden eine Auferstehung zu feiern, die uns ganz neu auf das Schauen lässt, was uns wirklich Licht bringt im Leben: Die Begegnung von Mensch zu Mensch, von Angesicht zu Angesicht!


Pfarrerin Ursula Heller, 58 Jahre, Pfarrerin der Katharinengemeinde seit 1997