„Wer Hoffnung gewinnen will …“

Pfarrer Stephan Sigloch

Die Gärten sind winterfest, abends wird es früh dunkel, die Kälte treibt uns in die warme Wohnung. Wenn es draußen trüber ist, neigen wir zu trüben Gedanken: Wer allein lebt, erlebt das Alleinsein intensiver. Wer einen Menschen verloren hat, Abschied nehmen musste, hat weniger Ablenkung und der Schmerz des Abschieds ist stärker spürbar. Wir spüren die Erfahrungen, unter denen wir leiden. Reden wir auch über sie? Möglicherweise leiden wir stärker darunter, wenn wir nicht über sie reden!? Schwierig, weil der Tod auch sprachlos macht.
An diesem Sonntag kommen wir nicht drum herum. Am Sonntag gedenken wir unserer Verstorbenen – denken dem Leben und dem Sterben nach. Reden darüber. Ein weiser Mensch hat gesagt: Wer dem Tod ausweicht, geht am Leben vorbei!
Wir machen unterschiedliche Erfahrungen: Manchmal vollendet der Tod ein langes Leben. Manchmal erlöst er von bitterem Leiden. Wenn er junges Leben zerstört, wird er zum Feind. Aber immer ist der Tod eine Art Störfall im Leben derer, die Abschied nehmen. Und der Ernstfall …
Manchen Menschen ist ihr Glaube Halt angesichts der Endlichkeit – auch wenn Zweifel kommen. Reden wir darüber? Über den Glauben, über unsere Zweifel? Widerstehen wir gemeinsam der Sprachlosigkeit, die der Tod uns aufdrängt? Trauernde sagen, dass es ihren Schmerz erst recht bitter macht, wenn andere nicht mit ihnen reden.
Sicher: Was soll ich, was kann ich auch sagen? Trotzdem: Besser ein scheinbar hilfloses „Ich weiß nicht, was ich sagen soll!“ und eine stille Umarmung, als – Schweigen. Oder, noch schlimmer, aus dem Weg gehen! Reden wir miteinander über unsere Erfahrungen – anstatt still und allein darunter zu leiden! Wer alles mit sich selber ausmachen will, wird kaum Trost finden. Und wer weiß nicht, wie Trauer schmerzt? Wie gut kann es tun, einander beizustehen!
Unser Glaube an Jesus Christus bekennt: Gott ist uns auch in den Zeiten der Trauer nahe. Hoffnung wurzelt und wächst darin nur, wenn dieses Bekenntnis anknüpfen kann an konkrete Erfahrungen. Über die können wir reden, die können wir erzählen und ihnen zuhören. Reden wir über unsere Trauer. Hören wir einander zu. Erinnern wir …
Auf dem Friedhof sage ich oft: „Wer Hoffnung gewinnen will, muss sich erinnern lassen“ – und wir erinnern die guten Erfahrungen mit den Verstorbenen, die Gott uns an die Seite gestellt hat. Von diesen Erfahrungen her kann ich erst die hoffnungsvollen Texte der Bibel hören.
Und auch wenn sie mir vielleicht wie ein Mantel vorkommen, in den ich hineinwachsen muss: Ein bisschen Wärme gibt er schon.

Stephan Sigloch (55) ist Pfarrer in der evangelischen Kreuzkirchengemeinde in Reutlingen