„Religion? - Nein Danke! …

Schuldekan Dr. Joachim Bayer

… Freiheit kommt bei uns aus der Steckdose!“ Immer wieder begegnet man der Meinung, Freiheit sei selbstverständlich und Religion beschränke die Freiheit.
Wir leben in einem Land, in der Freiheit – Gott sei Dank! - gelebt werden kann. So scheint sie selbst selbstverständlich zu sein: Sie „kommt aus der Steckdose“. Und wie sie dorthin gelangt, interessiert nicht, solange sie beim Endverbraucher ankommt.
In der „Corona-Zeit“ erlebten wir eine uns bislang unbekannte Einschränkung von Freiheit: Unter anderem wurde das Recht auf Versammlung, auf Arbeit, auf Bildung, auf Reisen, auf Religionsausübung eingeschränkt. Die meisten trugen diese Einschränkungen vernünftig, solidarisch und geduldig mit. Durch diese Einschränkungen spürte man auf einmal, dass Freiheit kein unumstößliches Naturgesetz, nichts Selbstverständliches ist.
Wie der Strom muss auch die Freiheit eingespeist werden in ein gesellschaftliches System. Sie will gepflegt, gelebt und in ihrer wesensmäßigen Vielgestaltigkeit erhalten werden.
Dies bewahrheitet sich am Umgang mit dem ältesten Freiheitsrecht, mit der Religionsfreiheit. Frei zu sein in der Antwort auf die Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Freiheit von religiös-weltanschaulicher Bevormundung, von gesellschaftlichem Meinungszwang und Moralisieren. Religionsfreiheit wird ermöglicht, indem unser Staat seine Bürger keiner Religion oder Weltanschauung unterwirft: weder einer christlichen Kirche oder dem Islam, noch „modernen Religionen“, wie etwa der Religion der Religionslosigkeit, der Religion der Renditenoptimierung mit ihren Göttern Wachstum, Effizienz und Profit, oder dem Glauben, Religion sei nur Privatsache.
Freiheit kommt nicht aus der Steckdose! Aber und das kennzeichnet ihr Wesen als etwas Nichtselbstverständliches: Sie kann nur von demjenigen gewährt werden, der sie zu gewähren imstande ist. Christen glauben, dass dies Gott ist, der jeden Menschen mit der unverlierbaren Würde und Freiheit der Gottebenbildlichkeit gezeichnet hat. Religion ist daher keine Beschränkung, sondern vielmehr die Quelle der Freiheit.
Um der Freiheit willen gilt daher: „Religion? – Ja, bitte!“
Seien Sie so frei, diese allen Menschen geltende Freiheit zu erhalten!

Dr. Joachim Bayer, 49, Schuldekan, Reutlingen, Bad Urach und Münsingen