»Hohe Erwartung – tiefe Enttäuschung«

Prälat Dr. Christian Rose

Es ist was los in der Stadt. Wie an einem verkaufsoffenen Sonntag. Dicht an dicht zwängen sich die Menschen durch die engen Gassen. Ein Rempler da, ein Schubser dort. Feiern ist angesagt in der Stadt. Von überall her strömen sie zum Wallfahrtsfest.

Und plötzlich, wie ein Lauffeuer spricht es sich herum: Jesus kommt. Von ihm erzählt man sich, er verwandle Wasser in Wein, er setze sich für eine Ehebrecherin ein, lese dem Volk die Leviten: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Das sitzt. Wie kommt einer dazu, so etwas zu sagen?Fragen und riesige Begeisterung. Wer kann, packt sich einen Palmzweig. Palmsonntag. Und so stehen die Menschen da, wollen einen Blick erhaschen. Vielleicht heilt Jesus ja Blinde und Lahme, ruft zurück ins Leben. In den Gassen wird es laut. Wie aus einer Kehle erschallt der Ruf: „Hosianna! Ach, Meister, hilf!“Jubelrufe. Hohe Erwartung an den, der da kommt. Manche sagen, er werde endlich das Reich Gottes aufrichten. Mit Macht und Gewalt die römischen Besatzer vertreiben. Für Gerechtigkeit sorgen. Der Messias! Der König Gottes. Sie schwingen die Palmzweige und jubeln laut „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen Gottes.“ Wie ein König reitet er ein. Aber komisch, auf einem jungen Esel. So kommt doch kein König. Wo ist sein Heer? Wo sind seine Soldaten? Skepsis mischt sich unter den Jubel.Als hätte die Menge es geahnt, fünf Tage später ist alles vorbei. Die Palmzweige liegen im Staub der Gassen. Der Jubel ist verhallt. Tiefe Enttäuschung macht sich breit. Man hört andere Töne auf dem Tempelplatz: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Dieser Jesus ist ein Scharlatan. Einer, der nicht hält, was er verspricht. Ein König, der anderen die Füße wäscht. Einer, der in der Stille für die Einheit der Menschen betet. Einer, der keine Gewalt will, der Petrus zurechtweist: „Steck dein Schwert ein!“ Schließlich endet sein Weg am Kreuz. Und seine letzten Worte gehen zu Herzen: „Es ist vollbracht!“ Und nun? Wie geht´s weiter? Mit der stillen Woche: Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag – und dann das Fest des Lebens: Ostern. Vielleicht tut es mal wieder gut, einen Gottesdienst zu erleben. In froher Erwartung, dass wir berührt und in unseren Enttäuschungen getröstet werden.