Nie wieder

Pfarrerin Ines Fischer

Am 1. September wird seit 1957 bundesweit an den Anfang des 2. Weltkriegs im Jahr 1939 erinnert. Gedenkfeiern rufen ins Gedächtnis wie grausam in diesem Krieg und in der Zeit des Nationalsozialismus Menschen vernichtet und entmenschlicht wurden. Entwürdigung war selbstverständlich zum Prinzip von Politik geworden, Mitgefühl sollte keinen Platz mehr haben. Das Brutale an der Naziideologie war, dass sie anderen das Menschsein gänzlich absprach und der Vernichtung preisgab. Das Bild von der Gottebenbildlichkeit eines JEDEN Menschen hatte keine Bedeutung mehr – leider machten auch Kirchenvertreter*innen sich dieses Bild zu eigen und leisteten bis auf Ausnahmen kaum Widerstand.
Nie wieder. Dieses Fazit zog die Nachkriegsgeneration mit ihren Enkeln. Nie wieder. Weil diese Ideologie tötet, entmenschlicht und entwürdigt.
In diesem Jahr 2020 prägten den 1. September Berichte über die Demonstrationen in Berlin. Die Berichterstattung war in vielen Medien auf eine Gruppe rechtsradikaler Demonstrant*innen und ihren Versuch in den Reichstag einzudringen konzentriert. Die Empörung darüber, dass DAS Symbol der Demokratie – der gläserne Reichstag – solchen Angriffen ausgesetzt war, ist groß und sie ist wichtig. Zugleich muss uns aber eigentlich viel nachdenklicher machen, dass IN dem gleichen Reichstag und bundesweit in Parlamenten, Kreistagen, Gemeinderäten wieder Menschen sitzen, die sich von der Ideologie der Täter*innen von damals eben nicht abgrenzen. Die mit ihren Redebeiträgen und in Netzwerken dafür sorgen, dass rechtsextremistisches Gedankengut wieder salonfähig wird und entwürdigend oder abwertend über andere sprechen. Die den demokratischen Staat mit seinem Mitspracherecht für alle faktisch abschaffen wollen. Über diesen 1. September hinaus ist die Frage darum einmal mehr entscheidend, was wir in der Zukunft tun können, damit Menschenverachtung und Rechtsextremismus nicht mehr in Parlamente hineingewählt werden.
Demokratie bedeutet Meinungsfreiheit. Das bringt es mit sich, dass Menschen in Parlamenten oder in ihrem Alltag unterschiedlicher Meinung sind. Aber Rechtsextremismus ist nicht einfach nur eine Meinung. Sondern gerade angesichts des 1. September ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, weil er anderen die Menschenwürde abspricht. Damals wie heute.

Ines Fischer, Asylpfarramt Reutlingen