17.05.21

Auf ein Wort

Lena Moeller

„Haben nicht unsere Herzen gebrannt?!“

„Feuer und Flamme sein“, „Für etwas brennen“, „sich die Finger verbrennen“…die deutsche Sprache kennt viele Bilder, die letzten Endes zum Ausdruck bringen, dass ein Mensch innen drin von etwas bewegt oder begeistert ist. Sosehr, dass es „brenzlig“ sein könnte. Nicht umsonst setzte sich wohl auch das Bild von „völlig ausgebrannt sein - Burn Out“ durch. Es beschreibt einen Zustand der kompletten Erschöpfung nach maximalem Einsatz aller Ressourcen, die ein Mensch so hat.
In einer Gottesdienstvorbereitung vor einigen Wochen spielte der Ausruf der sogenannten Emmaus-Jünger: „Haben nicht unsere Herzen gebrannt!“ die Hauptrolle. Mir schwirrte dabei die ganze Zeit und auch seither immer wieder der Aufschrei der Wut von Jasmina Kuhnke durch den Kopf. „Eure Herzen sollten in Flammen stehen!“ twitterte die Autorin im September letzten Jahres, als das Lager Moria auf der Insel Lesbos niedergebrannt war. Natürlich: Moria, Geflüchtete und Seenotrettung sind Themen, die polarisieren. Weil Menschen dafür brennen, weil sie sich in ihrem Innersten rühren lassen von dem, was auf dieser Welt passiert. Weil sie Haltung zeigen. Dafür oder dagegen. Gut so! Ich bin der festen Überzeugung, dass es zu manchen Themen auf dieser Welt keine neutrale Position geben kann. Es ist mir zutiefst suspekt, wenn ungerührt wahrgenommen wird, dass kürzlich wieder über 100 Menschen ertrunken sind, in einem Meer, in dem ich schon gebadet habe.
„Haben nicht unsere Herzen gebrannt?!“ sagen zwei Menschen im Nachklapp an eine Begegnung mit Jesus. Jesus hatte den beiden bei einer scheinbaren Zufallsbegegnung nach Ostern die Schrift ausgelegt, das heißt: die Basics dessen erklärt, was in der Bibel steht. Die beiden hatten zuerst nicht mal gemerkt, wer ihnen da eigentlich die Schrift erklärte. Aber in ihren Herzen waren sie Feuer und Flamme. Und das kann doch nur heißen: Das Evangelium, an das Christ*innen glauben, das lässt einen nicht kalt, das fordert Haltung, ein „Sich-Auseinandersetzen“, „Sich-Einsetzen“, „Sich-Begeistern-Lassen“. Nicht bis zum Burn-Out, aber so, dass es leuchtet wie eine Fackel im Dunkeln.

Lena Moeller, 28, ist seit Oktober 2020 Vikarin in der Kreuzkirche Reutlingen, davor war sie für 6 Monate Praktikantin beim Asylpfarramt Reutlingen.

08.05.21

Auf ein Wort

Pfarrer Thorsten Eißler

Einfach Mal ‚Danke‘ sagen! Nicht vergessen …

Seit bald drei Wochen bereiten mich ganz verschiedene Werbeprospekte mit Pralinenherzen, Blumenangeboten und kleinen Geschenken auf den Tag morgen vor: Muttertag.
Einerseits finde ich solche Erinnerungstage, wie den Muttertag, den Vatertag oder auch den Valentinstag immer ein bisschen bemüht. Denn: eigentlich brauche ich ja nicht unbedingt einen bestimmten Tag, um jemanden zu sagen oder zu zeigen, dass ich ihn oder sie mag.
Andererseits sind diese Tage für mich wirklich Erinnerungstage. Denn in meinem Alltag geht leider vieles unter. Über manches mache ich mir manchmal auch einfach gar keine Gedanken mehr, weil es ganz normal für mich ist.
Deshalb heißt es auch schon in einem alten Gebet in der Bibel (Psalm 103,2): „Lobe den Herrn meine Seele! Und vergiss nicht das Gute, das er für dich getan hat!
Ich glaube, dass ich immer mal wieder so eine kleine Erinnerung brauche. Gott gegenüber, aber auch Menschen gegenüber. Deshalb ist der Muttertag für mich viel mehr. Natürlich freut sich meine Frau über Blumen. Und sie freut sich noch mehr, wenn unsere Kinder das Frühstück herrichten. Aber ich möchte diesen Tag auch gerne dafür nutzen, um mir zu überlegen: Was ist für mich selbstverständlich geworden, dass ich mich dafür schon gar nicht mehr wirklich bedanke? – gerade auch jetzt in diesen mehr als ungewöhnlichen Zeiten.
Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen füreinander da sind – einkaufen gehen und nach sich schauen. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Regale in den Supermärkten immer voll sind und immer wieder aufgefüllt werden. Es ist nicht selbstverständlich, dass Pflegekräfte in den Kliniken und Pflegeheimen Überstunden schieben. Dass Lehrerinnen und Lehrer sich immer wieder auf neue Situationen einstellen und Kindergärten ihr möglichstes tun, um eine Betreuung zu ermöglichen. Diese Liste ließe sich problemlos weiterführen.
Deshalb möchte ich in diesem Jahr den Muttertag und auch den Vatertag nutzen, um Danke zu sagen. Allen Eltern, die in diesen Zeiten wirklich viel leisten müssen. Aber auch allen anderen, die mithelfen, dass wir jetzt hoffentlich vollends gut durch die Pandemie kommen.

Thorsten Eißler (42) ist Pfarrer an der Evangelischen Kreuzkirche in Reutlingen.

20.04.21

Auf ein Wort

Pfarrer Dr. Simon Wandel

Zeit zum Anpacken

Haben Sie schon einmal einem Hirten bei der Arbeit zugesehen? Auf den ersten Blick sieht es nach einer echten Idylle aus: die Schafe, der Hund, die schöne Landschaft. Und mittendrin der Hirte, der scheinbar gelassen alles im Griff hat. Doch auf den zweiten Blick erkennt man, dass der Beruf des Hirtens harte Arbeit ist. Sieben Tage pro Woche, bei Wind und Wetter investiert ein Hirte seine Kraft und Aufmerksamkeit in seine Herde. Damit es allen Tieren gut geht: sieben Tage die Woche, bei Wind und Wetter. Könnten Sie sich einen Hirten vorstellen, der nur darüber redet, was zu tun wäre, aber einfach die Hände in den Schoß legt? Ein eigenartiges Bild, nicht wahr?
In der Bibel wird Jesus oft mit einem guten Hirten verglichen. Nicht, weil wir Schafe wären. Sondern weil Jesus seine ganze Kraft und seine Aufmerksamkeit in uns investiert. Sieben Tage die Woche. Jesus leistet vollen Einsatz für Sie, für dich, für mich, damit wir gut durch das Leben kommen. Auch in stürmischen Zeiten. Es tut gut zu wissen, dass Jesus die Hände nicht in den Schoß legt, sondern anpackt. Gerade dann, wenn die Not groß wird, wenn die Idylle gestört ist.
Für mich ist Jesus nicht nur ein Hirte. Jesus ist auch einer, den ich als Christ nachahmen soll. Gerade auch, wenn es ans Anpacken geht. Schließlich bin ich ein Mensch und kein Schaf. Besonders wichtig wird es dann, wenn die Idylle gestört ist, wenn stürmische Zeiten durchstanden sein wollen. Dann heißt es anpacken, mithelfen, für andere Menschen einstehen, anderen etwas Gutes tun. Möglichkeiten gibt es viele, auch auf Distanz, auch im Lockdown. Als Arbeitgeber kann ich großzügig sein, wenn meine Mitarbeitenden spontan nach Hause müssen, weil es in der Kita einen Coronaverdacht gab. Als Nachbar kann ich für die Familie nebenan die Einkäufe erledigen. Ich kann der einsamen Dame von gegenüber eine Blume vor die Tür stellen. Oder ich kann jemanden anrufen, der seine Wohnung aus Sorge vor einer Ansteckung schon lange nicht mehr verlassen hat. Möglichkeiten zum Anpacken gibt es viele. Eigenartig wäre es nur, wenn wir all diese Dinge sehen und dennoch die Hände in den Schoß legen würden.

Simon Wandel ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Undingen

29.03.21

Auf ein Wort

Pfarrerin Dr. Maria Gotzen-Dold

Was macht mein Herz satt?

Ich liebe Brot backen. Das habe ich von meiner Mutter geerbt. Sie hat immer für die Familie Brot gebacken. Das ging so nebenher im Alltag. Wunderbar, wenn der Duft von frisch gebackenem Brot durchs Haus zieht! Man möchte die erste Scheibe abschneiden und gleich lauwarm essen. Wenn ich Brot gebacken habe, habe ich das gute Gefühl, heute was Sinnvolles getan zu haben.
Brot gibt es auf der ganzen Welt in ganz verschiedenen Formen, Farben und Geschmäckern. Pfannkuchenartig in Äthiopien. Dunkelbraun aus Roggenmehl und mit Koriander in Russland. Herrlich knusprig und stangenförmig in Frankreich. Überall gab und gibt es eine Hochachtung für das Lebensmittel Brot. Im Vaterunser bitten wir Gott: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Das tägliche Brot ist die Ration, die wir brauchen, um einen Tag lang satt zu sein.
Ich merke, dass ich in der Pandemie bei dieser Bitte oft noch andere Sehnsuchtsdinge mit erbitte: Bitte gib mir meine tägliche Portion Freude. Bitte gib mir meine tägliche Ration soziale Beziehungen! Daran ist mein Leben gerade knapp. Noch andere Dinge sind für mich lebensnotwenig wie Brot. Ich brauche etwas, was mich erfüllt und was ich weiterschenken kann. Freude und Beziehungen machen mein Herz satt. Anderswo auf der Welt wäre es Luxus, sich bei der Bitte ums täglich Brot noch mehr zu wünschen – es fehlt schlicht am Brot zum Überleben.
Brot kann man teilen. Auch andere Reichtümer kann man teilen – wie Freude und soziale Beziehungen. Vielleicht gilt das besonders in diesen Zeiten.
Jesus hat gesagt: Ich bin das Brot des Lebens. Wenn in den Kirchen Abendmahl gefeiert wird, dann essen wir einen Bissen Brot in Gemeinschaft und feiern damit: Jesus kommt in unser ganz körperlich definiertes und begrenztes Leben, schenkt die Liebe Gottes, gibt Kraft und Heilung – und befreit uns von der Bedrückung, dass unser irdisches Leben mit dem Tod eine harte Grenze hat.
Ich finde es schön, dieses Geschenk der Liebe Gottes gemeinsam zu feiern, den Bissen Brot zu nehmen und uns zu erinnern, dass wir alle vom Brot leben – aber eben nicht vom Brot allein.
Diese Kar- und Osterzeit müssen wir auf vieles verzichten und spüren den Mangel. Ich wünsche uns allen, dass wir trotzdem jeden Tag das bekommen, was unser Herz satt macht.

Dr. Maria Gotzen-Dold (48) ist Prälaturpfarrerin in Reutlingen im Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung (DiMOE) der Evang. Landeskirche in Württemberg

06.03.21

Auf ein Wort

Diakon Frieder Leube

Rent a Jew?

Einen Juden mieten? Zuerst bekomme ich ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Aber es handelt sich tatsächlich um ein Projekt der Europäischen Janusz Korczak Akademie, das Begegnungen und Dialoge zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Menschen ermöglichte.
Wann sind Sie zuletzt einem Juden oder einer Jüdin begegnet? Gehört jemand zu ihrem Freundeskreis? Ja, man sieht einer Christin ihren Glauben nicht an, es sei denn, sie trägt ein Kreuz. So auch bei einem Juden, wenn er nicht eine Kippa, die Kopfbedeckung, trägt.
Das Jahr 2021 ist ein Festjahr. Seit dem Jahr 321 kann man jüdisches Leben in Deutschland nachweisen. Vor 1700 Jahren. Genauer in Köln.

Manch einer seufzt bei dem Thema auf. Und beklagt: bitte nicht immer wieder der furchtbaren Judenverfolgung gedenken. Das eine ist, dass diese entsetzliche Geschichte nie vergessen werden darf. Das andere, dass es um das Heute geht. Wie leben Menschen mit ihrem jüdischen Glauben? Wo treffen sie sich in Reutlingen? Die kleine jüdische Gemeinde kann bis heute nicht öffentlich machen, wo sie sich zum Gebet und zur Gemeinschaft trifft. Aus Sorge vor antisemitischen Aktionen. Ich schäme mich dafür.

Aber wo kann es Begegnungen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Menschen geben? Von April bis in den Sommer hinein wird es in Reutlingen Veranstaltungen geben. Veranstaltet von der Evangelischen Bildung mit Kooperationspartnern. Auch zusammen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde.

Ohne das Judentum würde es kein Christentum geben. Die Jüdin ist die große Schwester des Christen. Und: Jesus war Jude! Gott kam in menschlicher Gestalt auf die Erde als einer, der in der jüdischen Tradition lebte.

Es gibt zu wenig Begegnungen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Menschen. Der Gesprächskreis Religionen in Reutlingen ist eine zarte Pflanze, in der sich Juden, Christen, Muslime und Baha´i begegnen und von ihrem Glauben erzählen. In gegenseitigem Respekt. Was miteinander verbindet und was sie unterscheidet. Die Veranstaltungsreihe 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland bietet einer breiten Öffentlichkeit viele Möglichkeiten, sich zu informieren. Und einander zu begegnen.
Vielleicht treffen wir uns.

Diakon Frieder Leube (65) ist Diakon und Geschäftsführer der Evangelischen Bildung Reutlingen

22.02.21

Auf ein Wort

Evangelischer Prälat Dr. Christian Rose, Reutlingen

Wenn nicht jetzt, wann dann?

So hat Rabbi Hillel vor 2000 Jahren zum ersten Mal gefragt. Und seitdem unzählige Menschen bis in unsere Zeit. Wenn nicht jetzt, wann ist es dann an der Zeit, dass wir den vertrauten, fast schon vergessenen Alltag früherer Tage wieder erleben dürfen? Ab Montag werden Kindergärten und Schulen teilweise wieder geöffnet. Die Friseure folgen als nächste. Hotels, Konzertsäle, Restaurants und Theater würden gerne. Hin und her gehen die Argumente, wann ein guter Zeitpunkt ist, um kleine Schritte der Existenzsicherung zu gehen.

Wie stehen wir das durch? Worte allein helfen nicht. Vor Weihnachten gab es für Künstler in der Region eine beispielhafte Unterstützungsaktion. Die diesjährige Vesperkirche hat über 10 000 Tüten an bedürftige Menschen verteilt. Es ist viel verlangt, aber wir brauchen Geduld, Kreativität, Rücksichtnahme, Solidarität.

Und manchmal auch ein Hoffnungsbild: Jetzt aber! Auf dem Kirchvorplatz der Jubilate-Kirche in Orschel-Hagen hat ein Gänseblümchen den letztjährigen Winter überlebt. Martin Willmann hat es fotografiert, beim Wettbewerb „Mauerblümchen und Ritzenrebellen“ des BUND-Reutlingen eingereicht und den 1. Platz errungen. Inmitten von Beton- und Pflastersteinen drängen Pflanzen ans Licht und bieten Insekten Lebensraum.

Jetzt aber! Das Gänseblümchen setzt ein Hoffnungszeichen. Das ersetzt nicht unser Engagement füreinander, und erst recht nicht weitsichtige Entscheidungen. Es kann uns jedoch erinnern: Jetzt aber! Ist es an der Zeit, dass wir aneinander denken, uns gegenseitig unterstützen und ermutigen. Jetzt aber! Unter dieser Überschrift bietet die Evangelische Gesamtkirchengemeinde sieben Wochen lang Impulse der Hoffnung zur Passionszeit und zu Ostern. Wer möchte, bekommt jeden Tag eine Mail mit Texten zum Lesen und einem Podcast zum Hören. Anmelden kann man sich auf www.reutlingen-evangelisch.de und telefonisch unter 07121 312443.

Wann ist es gut, dass wir füreinander beten, einander ermutigen und unterstützen? Wann denn sonst, wenn nicht jetzt? Jetzt ist es höchste Zeit! Und ich bin voller Zuversicht, dass wir in sieben Wochen, an Ostern, miteinander das Leben feiern.

Dr. Christian Rose, evangelischer Prälat in Reutlingen

08.02.21

Auf ein Wort

Pfarrer Frank Jänicke

Widerstandskraft
von Frank Jänicke

Sie blüht! Die alte Orchidee war schon fast vertrocknet. Ich hatte mal wieder vergessen, sie zu gießen. Doch nun hat sie wieder zwei schöne Blüten! Ich freue mich darüber. Und bewundere die Widerstandskraft dieser Blume.
Unsere Widerstandskraft wird zur Zeit ziemlich gefordert.
Bei Studierenden, die demnächst das dritte Semester überwiegend digital studieren. Das heißt, im Zimmer zu sitzen vor dem PC, im Wohnheim oder in der WG oder (wieder) bei den Eltern.
Ausgehen ist schwierig, weil ja fast alles geschlossen ist. Wie soll man da das Leben spüren, Menschen kennenlernen? Digital ist zum Glück einiges möglich, und raus in die Natur kann man ja auch noch.

Für Schüler*innen ist das familiäre Zuhause zur „Homeschool“ geworden, für viele Eltern dazu zum Homeoffice, wenn sie nicht ihren Job verloren haben oder in Kurzarbeit sind.
Manche haben durch die Krise noch mehr Arbeit und Verantwortung, müssen viel Stress aushalten.
Da brauchts nicht nur ein gutes WLan, damit alle miteinander auskommen.

Wie schaffen wir es, diese Zeit gut zu überstehen?
Mir kommt ein Schüler in den Sinn. Er hatte schon viel Schwieriges und Schlimmes erlebt in seinem Leben. Nun war er glücklich mit seiner Ausbildung als Koch.
Er erzählte, dass er seit einiger Zeit jeden Tag versuche, eine Blume zu finden, die er auf seinen Tisch stellt.
Das hat mich beeindruckt. Weil es ein Zeichen seiner Widerstandskraft war, weil er immer etwas Schönes fand, auch wenn die Umstände bedrückend waren.
„Gott gibt dem Müden Kraft,
und Stärke genug dem Unvermögenden“ (Jesaja 40,29).

Ich wünsche mir und uns, jeden Tag diese Widerstandskraft zu finden. Und zu spüren, wie Gott uns genug Stärke gibt.


Pfarrer Frank Jänicke ist Ev. Hochschulseelsorger in Reutlingen
und Berufsschullehrer in Tübingen

25.01.21

Auf ein Wort

Pfarrerin Julia Reiff

Kein Bullerbü

Als Kind habe ich es geliebt, wenn mir meine Mama von den Kindern aus Bullerbü vorlesen hat. Erst als ich älter war, wurde mir klar, dass es noch andere Kindheiten gibt! Die in Verstecken und Hinterhäusern, mitten in Großstädten. Damals las ich das Tagebuch von Anne Frank. Sie hat es von 1942 bis 1944 geschrieben. Das Mädchen und ihre Familie hofften, dass sie der Verfolgung und Ermordung durch das nationalsozialistische Regime entkommen würden. Ich konnte sie gut verstehen die Auseinandersetzungen, Sorgen und Träume der Gleichaltrigen. Ganz nah kam sie mir. Das grausame Ende von Annes Lebensgeschichte habe ich nicht begriffen, nur erahnt. Aber es hat mich traurig gemacht.

Am 27. Januar 2021 ist der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. 1996 führte der damalige Bundespräsident Roman Herzog ihn mit den Worten ein: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Auf die Form des Erinnerns kommt es an. Lernen aus der Geschichte darf nicht verwechselt werden mit der Identifikation mit damals lebenden Personen. Jana aus Kassel im Jahr 2020 ist nicht Sophie Scholl in München 1943! Das Leben in der Zeit des Nationalsozialismus unterscheidet sich von unserem um Welten. Trotzdem ist es wichtig nicht zu vergessen. Denn in Krisenzeiten, wie jetzt gerade, nimmt menschenverachtende Diskriminierung zu. Neben Ausgrenzung aufgrund von Religion, Hautfarbe, Herkunft oder Kultur passiert sie auch dann, wenn ein Kind aus der Corona-Quarantäne zurück in die Schulklasse kommt und andere nicht mehr neben ihm sitzen möchten.

Ungerechtigkeit und Ungleichheit müssen bereits im Kleinen offen angesprochen werden. Immer und immer wieder. Diese Tradition des Weitererzählens ist auch in den Büchern der Bibel angelegt. Damit sich gesamtgesellschaftliche Mechanismen und Strukturen entwickeln, die gegenwirken. Und sich Unrechtssysteme unter uns nicht einfach etablieren, sondern unser Zusammenleben auch zukünftig lebenswert bleibt.

Oder um, es mit den Worten von Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter zu sagen: „Das Leben ist etwas, das man hüten und bewahren muss, begreifst du das denn nicht?“ „Es dauert seine Zeit, dachte Malin, aber mit Glauben und Sehnen wird es gelingen.“

Julia Reiff ist Pfarrerin an der Evangelischen Kreuzkirchengemeinde in Reutlingen.

21.12.20

Auf ein Wort

Pfarrerin Ursula Heller

Wege im Advent

Bisher war die Adventszeit eine Zeit des Unterwegsseins. Doch wie gehen wir in diesem Jahr die Wege im Advent? In einem Jahr, in dem alles, was wir bisher so selbstverständlich getan haben, so selbstverständlich gelebt haben, einfach auf den Kopf gestellt wurde und wird?

Wenn wir aus dieser Zeit etwas Positives ziehen können, dann ist es das Hinterfragen des Gewohnten und Alltäglichen. Dumm, dass es dazu immer Katastrophen braucht. Dass es oft die Konfrontation mit Krankheit, mit Tod ist, die zum Nachdenken bringt.
Nutzen wir die Situation, in die wir geschmissen wurden, als Chance zu einem neuen Nachdenken. Zu einem neuen Nachdenken, das uns dann vielleicht auch gestärkt aus dieser Krise hervorgehen lässt.

Da ist jeder und jede in ihrer und seiner eigenen Verantwortung gefragt. Da ist Verzicht gefragt. Da geht es darum, sein Leben verantwortlich in die Hand zu nehmen und die Dinge im Leben zu ändern, die das Leben nicht mehr lebenswert machen. Sich so in die Dinge der Welt hineinknien, dass das Leben nicht nur für mich, sondern auch für meinen Nächsten lebenswert wird und bleibt. So aufeinander zu hören, dass meine Seele und mein Herz mithört und nicht nur mein Ohr. So miteinander umzugehen, dass auch eigenes Versagen eingestanden werden kann, ohne Angst, das Gesicht vor sich selbst zu verlieren. So miteinander umzugehen, dass auch so etwas wie Vergebung möglich wird, dass nicht „Auge um Auge“ und Zahn um Zahn“ regiert.

Vielleicht gelingt es, wenn wir dieses Jahr das Weihnachtsfest feiern, dass wir in unserem Leben versuchen gut zu machen und zu ändern, was in der bisherigen Lebensgeschichte falsch gelaufen ist. Die Botschaft von Weihnachten macht Mut, dass das möglich ist. Weihnachten steht gegen all die Miesmacher, die sagen: „Da lässt sich ja doch nichts ändern. Der oder die waren schon immer so. Da ist ja doch alles zwecklos.“ Weihnachten macht Mut, aus Selbstgerechtigkeit auszubrechen, um uns selbst und anderen gerecht zu werden.

Weihnachten erinnert daran, dass es höchste Zeit ist, wieder die Augen zu öffnen und auf das zu schauen, was gut ist im Leben, um eben auch das zu bewältigen, was die Seele niederdrückt.
Ich wünsche uns allen, mutig einen klaren Blick auf uns selbst zu wagen und dabei die Realität um uns herum nicht aus den Augen zu verlieren. Das ermöglicht zu sehen und zu hören, was der folgende Text aus einem Krippenspiel uns zuruft:

„Euch werden heute Kinder geboren; nehmt sie in Liebe an.
Euch wird neues Leben geschenkt; rennt nicht Belanglosem nach.
Euch ist auch heute noch Armut sichtbar; behaltet auch sie im Blick.
Euch ist wieder Brot gegeben; macht es zum Brot für die Welt.
Euch wird heute Freude bereitet; überlegt, mit wem ihr sie teilt.
Euch wird die Klarheit des Herrn zuteil; fischt nicht länger im Trüben.
Euch wird eure Begabung bewusst; nehmt sie als Aufgabe an.
Euch trifft Gottes Liebe ins Herz; schenkt sie an andere weiter.“
Euch singen heute die Engel den Frieden!

Pfarrerin Ursula Heller, 59 Jahre, Pfarrerin der Katharinengemeinde seit 1997

14.12.20

Auf ein Wort

Engel im Advent

Der Engel auf der Turmspitze der Marienkirche hat seit 1343 sehr viel gesehen, was sich in der Stadt ereignet hat: Kaum fünf Jahre nachdem er auf dem Turm war, wütete die Pest in der Stadt. 1726 verwüstete der große Stadtbrand Reutlingen und auch die Marienkirche. 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg – holte ihn ein Erdbeben vom Turm. Die Liste der schrecklichen Ereignisse ließe sich fortsetzen bis hin in die Familiengeschichten.
Aber der Engel hat auch gesehen, wie die Menschen in der Stadt es immer wieder geschafft haben, neu anzufangen und Aufbauarbeit zu leisten – sowohl im Gemeinwesen wie in den Familien.
687 Jahre Begleitung durch den »Engel über der Stadt« – er hat sich seine Funktion als Wahrzeichen Reutlingens hart erarbeitet. Auch die jetzige Pandemie wird er »wegstecken«. Weil er größere Zeiträume im Blick hat, weil er auch größere Zusammenhänge im Blick hat. — Solche Aussagen machen wir als evangelische Christen natürlich nicht über die metallene Figur auf dem Turm. Sie selbst hat keine magischen Kräfte und ist kein Schutz-Amulett für die Stadt. Sie ist nur ein Hinweisschild auf die nicht-sichtbare Wirklichkeit der Boten Gottes.
Diese treten in der Bibel oft an besonders wichtigen Stellen auf: wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Botschaft Gottes zu lenken. Meist ist die Situation für die Menschen verwirrend, verstörend, wenn ein Engel hinzutritt. Daher beginnt ihre Botschaft: »Fürchtet euch nicht! Friede sie mit euch!«
In dieser Zeit, in der die einen Angst haben und die anderen Unfrieden verbreiten, in der Weihnachten nicht so gefeiert werden kann, wie wir das über Jahrzehnte gewohnt waren, in dieser Zeit sind diese Worte sehr wichtig. Zugleich sind sie eng mit dem Evangelium von der Geburt Jesu verbunden, die wir am Christfest feiern.
Daher ist der Engel vom Turm der Marienkirche nicht nur schön anzusehen, sondern vor allem Hinweis auf das froh machende Evangelium wie auf die Begleitung durch Gottes Engel – gerade in verstörenden Zeiten.

Jürgen Simon, Diplomtheologe und Kirchengemeinderat in der Evang. Katharinenkirchengemeinde Reutlingen

28.11.20

Auf ein Wort

Dekan Marcus Keinath

Können wir Geduld?
von Marcus Keinath

Immer wieder taucht in Bewerbungsgesprächen die Frage nach den Schwächen auf. Und für manche scheint es dann eine besonders geschickte Antwort zu geben: Ja eine Schwäche von mir ist die, dass ich manches mal zu ungeduldig bin. Das soll dann umgekehrt heißen: Ich bin halt so motiviert, dass es mir nicht schnell genug gehen kann. Und schwuppdiwupp ist aus meiner Schwäche eine vermeintliche Stärke geworden.
Was ich noch nie in Bewerbungsgesprächen erlebt habe, ist allerdings die Frage nach der Geduld. Dabei kommt es doch in ganz vielen Lebenssituationen genau darauf ganz wesentlich an, dass man Geduld hat.
Aktuell brauchen wir viel davon, alle miteinander, um die Belastungen der Pandemie zu ertragen.
Können wir Geduld? Mehr oder weniger ungeduldig warten wir auf ein Ende dieser Pandemiewelle. Wann endlich ebbt sie ab? Wann kommt der Tag, ohne das Signalwort Corona in den Nachrichten? Wann können wir wieder froher und unbekümmerter leben?
In einer der biblischen Ursprachen – im Hebräischen – gab es lange kein richtiges Wort für Geduld. Es wurde oft umschrieben, zum Beispiel mit „einen langen Atem haben“. Unser deutsches „langmütig“ sein kommt aus dieser Tradition. Geduld zu haben – gerade jetzt in dieser Phase der Pandemie – könnte in diesem Sinn dann nicht nur heißen, dass wir viel Unangenehmes und Schlimmes ertragen müssen, sondern auch, dass wir uns in Langmut üben sollten. Wir brauchen einen langen Atem, bis wir wieder aufatmen können. „Gott gab uns Atem, damit wir leben,“ klingt ein neueres Kirchenlied in mir auf. Auch wenn ich gerade im Gottesdienst nicht singen kann, kommen mir immer wieder Textzeilen von Liedern in den Sinn und erinnern mich: Ja, das ist doch meine Hoffnung, dass Gott mir den nötigen Atem schenkt, Langmut, Geduld.
Eine ganz besondere Geduldsprobe ist sicherlich die jetzt beginnende Adventszeit, diese Wartezeit auf das Fest. Wie wir es dieses Jahr feiern werden, ist weithin noch ungewiss, doch dass Gott in uns ankommen wird, oder anders formuliert, dass er mit uns in Kontakt kommen will, unabhängig von allen sonstigen Abstandsgeboten, das bleibt hoffentlich für viele gewiss. Diese Hoffnung lasse ich mir jedenfalls nicht nehmen. Geduld und Hoffnung hängen ja unauflöslich miteinander zusammen. Geduld macht da Sinn, wo Hoffnung ist.
Bleibt am Ende also der Wunsch für uns alle, nach viel Geduld und Hoffnung in dieser Adventszeit 2020. Und wenn uns der Atem auszugehen droht, dann möge der mit seinem Langmut uns neu beatmen, dessen erste Atemzüge wir an Weihnachten feiern. Und für den allemal gilt: Er kann Geduld.

Marcus Keinath ist Dekan
des Evangelischen Kirchenbezirks Reutlingen

14.11.20

Auf ein Wort

Pfarrer Thorsten Eißler

Was man in diesen Zeiten alles teilen kann …
von Thorsten Eißler

Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind … . Ich glaube es gab kein Jahr, seitdem unsere Kinder auf der Welt sind, in dem wir nicht mit den Laternen unterwegs waren. Jede Menge Laternenumzüge und jede Menge Martins – sogar eine Martina – mit oder ohne Pferd. Dabei war die Botschaft immer klar: Wer das teilt, was er oder sie hat, hat doppelte Freude. Ein Gedanke, der auch Jesus wichtig war. „Achtet auf die Menschen, die um Euch herum leben. Und helft, wo ihr gebraucht werdet.“ Das hat er immer wieder versucht seinen Freunden und allen Menschen zu erklären.

Dieses Jahr ist alles anders: Es gibt keine großen Umzüge. Wenn man mit der Laterne unterwegs sein will, dann nur mit der eigenen Familie – oder man gestaltet ein schönes Laternenfenster. Überhaupt irgendwas ‚gemeinsam‘ zu machen ist nicht einfach. Und auch zu teilen fällt in diesem November nicht leicht. Dabei ist es vielleicht gerade jetzt wichtiger denn je. Nicht das Pausenbrot in der Schule und auch nicht die Streichhölzer beim Umzug. Vielleicht aber Zeit. Jemanden anrufen und zuhören. Mal nach meinen Nachbarn schauen. Klingeln und fragen, ob sie was brauchen. Abends wieder eine Kerze ans Fenster stellen. Vielleicht beten. Was ich mir aber dieses Jahr vor allem vornehme: Ich möchte nach Freude suchen. Nach dem, was trotzdem schön ist. Viele Menschen sind von den Schließungen betroffen. Viele stehen vor großen finanziellen Herausforderungen. Deshalb finde ich es so wichtig, nach dem anderen zu suchen. Und genau das dann auch zu teilen. Den schönen Herbsttag, die leuchtenden Farben im Wald, Kinder, die trotzdem lachen und auch die Vorfreude auf den Advent.

Ändern kann ich im Moment nur wenig – aber ich kann meinen Teil dazu beitragen, dass wir alle gemeinsam gut durch diesen November kommen. Indem ich – wie Sankt Martin – das teile, was ich habe.

Thorsten Eißler (42) ist Pfarrer an der Evangelischen Kreuzkirche in Reutlingen.

17.10.20

Auf ein Wort

Pfarrerin Silke Bartel

Freundlichkeit zahlt sich aus
von Silke Bartel

„Ein Kaffee: 7 EURO.
Einen Kaffee, bitte: 4,25 EURO.
Guten Tag, einen Kaffee, bitte: 1,40 EURO“.

Höflichkeit zahlt sich aus.
Zumindest im Café von Fabrice und Patricia Pépino. Der Kaffee, den sie servieren ist immer der gleiche, wird die Bestellung aber einfach nur hingerotzt oder aber freundlich vorgebracht – das ändert die Stimmung und den Preis.

Vor ein paar Jahren war ich im französischen Nizza und dort befindet sich dieses kleine Restaurant La Petite Syrah. Dicke Weinfässer stehen gemütlich vor der Tür. Aber, so warnen Fabrice und Patricia: das Essen ist nicht zum schnellen Verzehr gedacht. Es wird mit Liebe bereitet und soll auch mit Genuss verspeist werden.

Langsamkeit und Höflichkeit, sind beim Essen und Trinken das Höchste, wenn man im Petite Syrah zu Gast ist. Dort in diesem kleinen Restaurant ist Höflichkeit etwas wert, obwohl sie den Höflichen ja überhaupt nichts kostet!

Freundlichkeit und Höflichkeit sind nichts Banales, sie kosten keinen Cent und sind zwischen uns Menschen doch so wertvoll. Weil sie das Leben einfacher und netter machen. Ich zeige, dass ich mich für meinen Mitmenschen interessiere, wenn ich frage: Wie geht es dir eigentlich heute Morgen? Was macht die Arbeit? Alles in Ordnung mit der Familie? Und ich nehme mir Zeit für die Antwort und höre dem anderen zu.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein schönes und freundliches Wochenende. Möge Gottes Segen heute und morgen und alle Tage mit Ihnen sein!

Ihre Silke Bartel,
Pfarrerin der Jubilatekirchengemeinde Orschel-Hagen.

30.10.20

Auf ein Wort

Pfarrer Stephan Sigloch

Reformation
von Stephan Sigloch

Reformation. Sich besinnen auf das Wesentliche. Das wird uns zugemutet seit März. Dabei begleitet mich auch ein Schmerz. Denn Vieles, was wesentlich ist, kann grade nicht sein: Spürbar füreinander da sein, einem Menschen durch Nähe beistehen, ihn in den Arm nehmen oder wenigstens ein Lächeln schenken, wenn die Worte fehlen, sich in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen – etwa beim Singen. Die Liste – Sie wissen es – ließe sich nahezu beliebig verlängern.

Vergangenen Sonntag hat ein Freund gesagt, seine Aufgaben kosteten ihn erheblich mehr Energie, weil die Routinen fehlen, weil alles, sofern es möglich, auch sehr kompliziert ist. Darin steckt die Erfahrung, dass Corona und die notwendigen Regeln auch irgendwie unser Leben reformiert: Vertraute Formen ändern sich. Manche – etwa, dass in der Demokratie die Parlamente die Entscheidungen treffen – müssen wir wiedergewinnen oder verteidigen. Anderes ist womöglich ein Gewinn: Dass für ein Meeting nicht mehr mehrere Leute um die halbe Welt jetten zum Beispiel.

Neulich ging ein Filmchen durch Whatsapp: Ein kleiner Junge, einen schicken Fahrradhelm auf dem Kopf, betastet vorsichtig die spitzige Schale eine Kastanie und sagt: „Ich glaube, das ist Corona …“ – wie wirkt sich die Unsicherheit der Pandemie auf die Kinder aus, die damit großwerden? Wie verändern wir uns, wenn – wie ich es etwa im Konfi-Kurs beobachte – wenn jugendliche Unbeschwertheit der dauernden Unsicherheit weicht, womöglich gerade eine Regel zu verletzen, etwas falsch zu machen?

Die Reformation – vor 500 Jahren hat Luther die Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ veröffentlicht – erzählt im Kern von der Freiheit, die der christliche Glaube eröffnet. Anders, als wir es vielleicht beim ersten Hören vermuten, ist es aber nicht die „Freiheit von …“ irgendetwas. Sondern eine „Freiheit für …“. Wie ist das zu verstehen?

Bei den Konfirmationen Anfang Oktober erinnerten wir den Satz: „Christen gestalten ihr Leben bewusst als Leben mit anderen und für andere und schauen nicht nur nach sich selber. Jesus Christus ist unser Vorbild dafür“. Ich bin davon befreit, dass sich alles um mich drehen muss. Und darum frei dafür, mein Leben verantwortlich, als Antwort an Gott zu gestalten. Mit einem Satz: „Ich möchte gerne so sein, wie Gott mich haben will, weil er mich behandelt, als wäre ich schon so.“ (H. Frank)


Stephan Sigloch (56) ist Pfarrer in der evangelischen Kreuzkirchengemeinde in Reutlingen

02.10.20

Auf ein Wort

Erntedank
von Michael Dullstein

Die Früchte des Sommers fallen zu Boden. Sie kommen uns zum Teil direkt als Nahrungsmittel zu Gute: Äpfel, Tomaten, Karotten und vieles mehr. Zu einem anderen Teil bleiben sie schlicht am Boden liegen und scheinen verloren. Erst im Frühling erkennen wir, dass sie noch Kraft in sich trugen. Sie werden zu neuen Pflanzen.

So ist es überhaupt mit unserem Leben. Es wächst und reift. Und dann am Ende verschenkt es sich entweder unmittelbar an ein anderes Leben: Eltern vererben ihren Besitz und ihre Lebenshaltungen an ihre Kinder. Oder aber das Leben geht jenen anderen Weg: Es läuft ins Leere und gerät in Vergessenheit. Firmen gehen Pleite. Gute Projekte finden keine Nachahmer. Alles scheint aus. Erst eines Tages wird erkennbar, dass eben daraus Neues empor sprießt.

Unsere Zeit macht auf viele den Eindruck, sich insgesamt ihrem Ende zuzuneigen. Ich möchte daher Mut machen zu den Fragen: Welche Früchte der jetzt vergehenden Zeit kommen uns direkt zu Gute? Welche bleiben vorerst liegen? Ich selbst sehe in den allgemeinen Menschenrechten reife Früchte unserer Zeit. Wir können sie einbringen in die neuen Lebensbedingungen. Wir können sie auch fallen lassen. Aber dann sprießen sie nur umso kräftiger eines Tages aus dem Nichts wieder empor. An diesem Freitag wird um 19.00 Uhr in der Citykirche genau zu diesen Fragen ein Gottesdienst gefeiert unter dem Thema „Grenzenlose Solidarität“ (auch online unter: meingd.de/fluechtling).

Auch die Tatsache, dass wir seit über zwanzig Jahren am 3. Oktober zum Tag der offenen Moschee eingeladen sind, ist für mich so eine Frucht. Dank der Initiative unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger brauchen wir uns als Nichtmuslime und Muslime nicht mehr gegenseitig als Fremde begaffen. Sondern wir haben gelernt, uns persönlich zu begegnen.

Und schließlich, dass wir dieses Jahr alle gemeinsam eine Krise durchleben und sagen können: „Wir halten zusammen mit Abstand, mit Meinungsverschiedenheiten, mit allem, was wir noch nicht verstehen, aber wir halten zusammen.“ Auch das ist eine Frucht für die wir einander sehr, sehr dankbar sein können. Und die wir hineintragen in alles, was kommt.

Michael Dullstein (44) ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Reutlingen-Hohbuch.