31.03.20

Geduld und Vertrauen - Stellungnahme der beiden Reutlinger Dekane zu Ostern 2020

Reutlingen - "Könnten an Ostern nicht doch Gottesdienste stattfinden, zu denen sich Menschen 'wieder ganz normal' in Kirchen versammeln?", so werden das evangelische wie katholische Dekanatamt in Reutlingen derzeit von manchen gefragt. Die beiden Reutlinger Dekane Marcus Keinath und Hermann Friedl haben diese Frage mit folgender Stellungnahme klar und deutlich beantwortet:

Die aktuelle Corona-Pandemie beeinflusst unser aller Leben. Um möglichst viel Leben zu schützen, gelten bestimmte Gesundheitsschutzregelungen, die einhergehen mit vielfältigen weiteren Maßnahmen, die die Regierungen dieser Welt und auch in unserem Land getroffen haben.

In vielen sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten Menschen mit bewundernswerter Kraft und Können, oft bis an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit. Sie tun dies für andere, für uns alle.

Und doch nimmt das Leid weltweit zu und auch in unserem Land versterben immer mehr Menschen infolge einer Covid-19-Erkrankung. Fassungslos vernehmen wir die Berichte gerade auch aus unseren Nachbarländern. Und angesichts der weitreichenden und tiefgreifenden Auswirkungen in Wirtschaft, Bildung und Kultur sind wir in größter Sorge.

Die Weltwirklichkeit im Frühjahr 2020 ist für nahezu alle leitend Verantwortliche in Politik und Gesellschaft eine enorme Herausforderung, bei der gewiss nicht alles immer zu rechten Zeit und vollkommen richtig entschieden werden kann. Doch das aufrichtige und ernsthafte Bemühen, Entscheidungen zum größtmöglichen Schutz der Menschen zu treffen, ist bei der weit überwiegenden Mehrheit der Verantwortung Tragenden unzweifelhaft vorhanden.

Die Corona-Pandemie fordert auch die Kirchen und gläubige Menschen sehr heraus. Wie umgehen mit der Bedrohung? Im Blick auf die konkreten Verhaltungs- und Versammlungsreglungen vertrauen wir Reutlinger Dekane dabei voll und ganz auf die Maßgaben der Behörden, die wiederum sich von der Fachwissenschaft intensiv beraten lassen. Dass es dabei auch zuweilen zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen kann, verstehen wir als ein besonderes Zeichen der Glaubwürdigkeit und der demokratischen Kultur dieser Beratungsprozesse. Wir haben deshalb nicht den geringsten Anlass an den Vorgaben der Behörden zu zweifeln.

In der Konsequenz dieser Vorgaben finden bis auf weiteres keine Gottesdienste statt, zu denen Menschen sich physisch versammeln, auch nicht an Ostern. Das ist für gläubige Menschen bitter, aber noch viel schlimmer wäre es, wenn durch unsere Versammlungen die Ausbreitung des Virus befördert und dadurch Menschenleben in Gefahr kämen.

Unsere Kirchengemeinden laden stattdessen dazu ein, Ostern in den Häusern und häuslichen Gemeinschaften umso bewusster zu feiern und die Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod einander weiter zu sagen. Dazu laden auch die Glocken unserer Kirchen am Ostersonntag ein, zum dankbaren Gebet, zum Osterliedersingen, zum Hören auf die Osterverkündigung in Radio und Fernsehen. Wir ermutigen dazu, in der Auferstehung Jesu ein Zeichen zu erkennen, dass nicht Trauer und Tod verbleiben, sondern die Hoffnung auf Leben aufersteht.

Mit einem Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja grüßen wir alle Lesenden herzlich:
„Siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jes 60,2)

Dekan Hermann Friedl
Katholisches Dekanat Reutlingen-Zwiefalten

Dekan Marcus Keinath
Evangelisches Dekanat Reutlingen

Reutlingen, den 31. März 2020