24.08.20

Nach 40 Jahren erstmals nicht mitten im Kindergetümmel

Reutlingen – Mehr als 650 Kinder waren schon bei ihr im Kindergarten, ob sie die Zahl 700 erreicht, hängt vom Verlauf der Corona-Pandemie ab. Denn Iris Altenhof gehört zur Risikogruppe. Seit 17. März ist die Erzieherin nicht mehr mitten im Kindergetümmel. »Das fällt mir sehr schwer«, sagt sie im Gespräch. Und auch, dass viele Veranstaltungen wie etwas das Stadtteilfest ausfallen.

Der Kindergarten in Orschel-Hagen, den sie seit vielen Jahren leitet, wird von der Evangelischen Landeskirche als Modellprojekt gefördert. Zusammen mit Diakon Achim Wurst hat Iris Altenhof ein Konzept erarbeitet, das die Familien und den Stadtteil stärker als üblich in die Kindergartenarbeit einbezieht. Dazu gehören Kinder-Kultur-Veranstaltungen für alle Kinder in Orschel-Hagen, eine Oster- und eine Herbstwerkstatt für die Eltern oder ein monatliches Eltern-Café.

Anders als bei klassischen Elternabenden gibt es während des Eltern-Cafés Kinderbetreuung, damit Alleinerziehende oder beide Elternteile teilnehmen können, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wer sich in dieser Zeit ums Kind kümmert. Jedes Mal werden thematische Schwerpunkte gesetzt, zum Beispiel das Thema »Sprache(n) lernen«. Bei 70 Prozent der Kinder besteht ein Migrationshintergrund. Mindestens acht verschiedene Muttersprachen sind derzeit in ihrem Kindergarten vertreten.

Iris Altenhof ist seit den frühen 80er Jahren in Orschel-Hagen im Evangelischen Kindergarten und seit 40 Jahren im kirchlichen Dienst. Seitdem hat sich viel verändert, nicht nur die Zusammensetzung der Bevölkerung im Stadtteil. »Die Pädagogik hat sich stark gewandelt«, berichtet sie. Statt starrer Lernziele für die verschiedenen Altersgruppen gibt es Entwicklungsgespräche für jedes einzelne Kind und einen stärkeren Elternkontakt.

Daher hat Iris Altenhof auch zu tun, wenn sie nur nachmittags, wenn keine Kinder mehr da sind, in den Kindergarten kommt. Zusammen mit ihrem Erzieherinnen-Team bespricht sie, was am Vormittag gelaufen ist, kümmern sie sich um die Dokumentation, die mittlerweile einen hohen Stellenwert hat, und pflegt die Elternkontakte.

»Wir haben auch die Väter viel stärker im Blick als früher«, sagt sie, denn es gehe auch darum, die Kinder im Zusammenhang der Familie zu betrachten. Deshalb veranstalte man immer wieder einen Vater-Kind-Tag, bei dem die Väter mit ihren Kindergartenkindern und den Erzieherinnen einen Erlebnis-Tag verbringen. Doch auch diese Form der Begegnung ist derzeit Corona-bedingt ausgesetzt.

Zur Zeit laufen die Anträge, um das Projekt, das Ende diesen Jahres ausläuft, nochmals um drei Jahre zu verlängern. »Wir hoffen dabei natürlich«, sagt Altenhof, »dass spätestens im nächsten Jahr wieder Normalität in allen Bereichen herrscht und die Begegnungseinschränkungen aufgehoben werden.«

Autor: jsn / Jürgen Simon

Bildtext zum Foto:
Zumindest die Eltern sollen sich bald wieder treffen können: Auf den blauen Sofas im Evangelischen Gemeindezentrum Orschel-Hagen hat Iris Altenhof schon viele interessante Gespräche beim Eltern-Café ihres Kindergartens gehabt.