21.03.20

Auf ein Wort von Jo Jerg

Teilgabe: Bedeutung für andere zu haben

Ich liebe es zu kochen und beim Essen in zufriedene Gesichter zu sehen. Das ist ein gutes Gefühl, etwas zu geben und zu teilen. In der Regel bekomme ich für diese Teilgabe anerkennende Worte. Es kann aber auch anders sein. Als Kinder hatten meine Schwestern und ich diese Anerkennung unserer Mutter nicht gegeben. Nach dem Verlassen des Elternhauses hatten wir ein großes Be-dürfnis unserer Mutter für die jahrelange alltägliche Sorge, nämlich ihrer Teilgabe, zu danken.

Gerne etwas für andere zu machen, mit anderen zu teilen und etwas zurückzugeben ist ein grund-legendes Bedürfnis und kann vielen Menschen Sinn im Leben geben. Teilgabe setzt voraus, dass ich nicht nur teilhaben kann, sondern dass ich die Gelegenheit bekomme, etwas zu geben und da-für erhalte ich in der Regel eine Anerkennung. Diese Chance, das eigene Können im Alltag einzubringen, bekommen leider nicht alle Menschen.

Was bewegt Menschen etwas zu geben? Ist es das Bedürfnis etwas Gutes zu tun oder sich gut zu fühlen? Geben und miteinander teilen verweisen auf Haltungsfragen.

Der Soziologe Zygmunt Bauman weist auf Formen der Gabe hin, die ohne sichtbare Gegenleistung gewährt werden. Beispielhaft hierfür stehen Kollekten. Morgen ist der Freudensonntag („Lätare“). An diesem Sonntag wird immer – außer durch die Corona-Virus-Krise in diesem Jahr – in den Evang. Kirchengemeinden in Württemberg um eine Kollekte für die Evang. Studienhilfe gebeten, die auch der Evang. Hochschule zukommt. Mit diesem Solidaritätsbeitrag wird jungen Menschen, die sich ohne fremde Hilfen ein Studium nicht leisten können, ein Studium an unserer Hochschule ermöglicht. Was ist an dieser Form der Teilgabe so besonders? Ich teile etwas von meinem Besitz, ohne zu wissen für wen. Ich tue dies anonym, ohne dass ich eine unmittelbare Rückmeldung, Dankbarkeit oder eine Spendenbescheinigung erhalte. Aber es gibt ihren Bedürfnissen und Interessen durch die Unterstützung die notwendige Anerkennung. Meine, in diesem Fall, nicht sichtbare Teilgabe hat für eine Gesellschaft ebenso eine wichtige Bedeutung wie die Anerkennung für das tägliche Mittagessen der Mutter.

Prof. Jo Jerg, Leiter der Evangelischen Hochschule/Campus Reutlingen