07.06.21

Kirchenmusik in Zeiten von Corona

Kantorei der Marienkirche "auf Abstand" bei der Aufnahme des Kantatengottesdienstes zu Ostern 2021

Reutlingen. Gibt es Menschen, die im letzten Jahr nicht unter den Folgen und Einschränkungen der Coronapandemie – mehr oder weniger – gelitten haben?! Gesundheitlich, durch Mangel an Kontakten, an Zuwendung, an kulturellen und geistlichen Begegnungen, durch Mangel an beruflichen Möglichkeiten, an Bildung, an frischer Luft und Bewegung, durch ungewisse Zukunftsaussichten?!

In der Kirche fehlen vielen Menschen der gemeinsame Gesang und die Kirchenmusik, und denjenigen, die sich in den Kirchenchören engagieren, die Möglichkeit, gemeinsam zu proben, zu singen und den Gottesdienst und Konzerte mitzugestalten.

Gottesdienste wurden in manchen Gemeinden überwiegend als Präsenzgottesdienste gefeiert, in manchen Gemeinden zeitweise als Präsenz-, Streaming- oder „Hybrid“-Gottesdienste. Für Gottesdienstbesucher galt meistens ein Verbot des eigenen Singens, ob mit oder ohne Maske. Dadurch entstanden viele unterschiedliche Formen des gemeindestellvertretenden Singens im Gottesdienst: kleine Singteams zwischen zwei und zehn Sänger*innen aus den Kantoreien oder Chören der Gesamtkirchengemeinde, begleitet von der Orgel oder einer Kirchen-Band; die Pfarrerin oder der Pfarrer, die – begleitet von Orgel oder Klavier - den Gemeindegesang übernimmt; der Posaunenchor, der die Choräle spielt; die Solo-Sänger*innen und Instrumentalisten, die die Gottesdienstmusik gestalten, oder der Kinder- oder Jugendchor, der die Gemeinde singend vertritt.

Das Singteam der Kreuzkirche singt stellvertretend für die Gemeinde im Gottesdienst

Da kaum konzertante Aufführungen möglich waren, entwickelten sich viele musikalische Andachtsformen in der Advents-, Weihnachts-, Passions- und Osterzeit, aber auch während des ganzen Kirchenjahres - in den Kirchen und zeitweise auch im Freien. Mit kleinen Gruppen aus den Kirchenchören, mit Gesangssolisten und Instrumentalisten oder mit dem Posaunenchor. Beeindruckend, wie viele unterschiedliche musikalische Andachts-„Formate“ sich dabei entwickelten, und wie viele Menschen sich aktiv beteiligend oder zuhörend diese Musik genießen konnten. Vielerorts wurde die Pandemiezeit als Zeit des Mangels empfunden; von vielen wurde der Wert der Kirchenmusik neu wahrgenommen; und manche konnten diversere Formen der Kirchenmusik entdecken und sich daran freuen.


Chormitglieder, denen das regelmäßige Singen ein wichtiger Lebensbestandteil ist, leiden unter der musikarmen Zeit. Umso mehr konnten diejenigen „aufatmen“, die bei Kantaten-Gottesdiensten, die an Weihnachten und Ostern in der Marienkirche aufgezeichnet wurden und online mitgefeiert werden konnten, mitgesungen haben.


„Nach der Pandemie“ werden alle, denen die Kirchenmusik am Herzen liegt, überlegen müssen, welche bisherigen Formen der Kirchenmusik wieder neu gefördert werden können, und welche neu entdeckte musikalische „Formate“ wir in Zukunft weiterentwickeln und in unseren Kirchen hören und zu Gehör bringen wollen.  


Dr. Utz Wagner,
Vorsitzender des Kirchenmusikausschusses der Gesamtkirchengemeinde