06.05.20

Sonne, Mais und Bohnen - und jede Menge lachende Gesichter

Reutlingen/Sonnenbühl. Im Kirchenbezirk Reutlingen machen derzeit drei Vikare und eine Vikarin ihre Ausbildung zum Pfarrdienst. Zu dieser gehört neben den Praxiswochen in der Gemeinde und Theoriephasen im Pfarrseminar in Stuttgart-Birkach auch eine sog. Ergänzungs- und Vertiefungsphase. Jonathan Pfander, Vikar in der Kirchengemeinde Genkingen, ist hierfür weit gereist und hat seine Erfahrungen in Kenia ergänzt und vertieft:

Was würde mich wohl erwarten im fernen Afrika? Wie würde es wohl sein in einem Entwicklungshilfeprojekt für einige Wochen mitzuarbeiten? Gespannt auf viele neue Gesichter und mein neues Arbeitsumfeld machte ich mich Ende Januar mit vollgepackten Koffern auf den Weg.

Meine Arbeit im Karai-Projekt (so der Name der Region) bestand aus ganz vielen verschiedenen Teilen. Da das Ziel dieser Praxisphase vor allem sein sollte etwas über das Thema „Leitung“ zu lernen, verbrachte ich die meiste Zeit meiner Arbeit mit dem sog. „Generell-Manager“ des Projekts. Er war dafür verantwortlich, den Überblick über die verschiedenen Bereiche der Organisation zu behalten, die unterschiedlichen Aufgaben zu koordinieren und engen Kontakt sowohl zu den Mitarbeitenden vor Ort, aber auch zum deutschen Stiftungsvorstand zu halten. In zahlreichen Mitarbeitermeetings, Skype-Gesprächen und Personalangelegenheiten konnte ich somit viel über Führungshandeln lernen, aber auch selbst meine Fähigkeiten mit in die Arbeit einbringen.

Natürlich sollte auch das Lernen und die Mitarbeit in der „Basisarbeit“ der verschiedenen Bereiche (Kinderheim, Grundschule, Berufsschule, Landwirtschaft) nicht fehlen. So konnte ich beispielsweise in der 4. Klasse der Grundschule Deutschunterricht einführen und mit den Schülerinnen und Schülern die ersten Begegnungen mit den nicht ganz leicht auszusprechenden Buchstaben „ü“, „ä“ oder „ö“ machen. Da merkt man erstmal wie komplex die deutsche Sprache doch ist. Dankbarerweise hatte ich bei dieser Aufgabe aber tatkräftige Unterstützung. Während meiner Praxisphase waren ebenfalls ein paar andere freiwillige Helfer aus Deutschland mit im Projekt dabei, die hauptsächlich im Kinderheim bei der Betreuung der Kinder und Jugendlichen mithalfen. Die meisten von ihnen nutzten ihre Zeit zwischen Abitur und Studium, um noch einmal im Ausland ein paar neue Erfahrungen zu machen.

Als angehender Pfarrer war es für mich natürlich auch spannend Kirche und Christentum in Kenia einmal mitzuerleben. Nicht nur das Karai-Projekt an sich hat ein christliches Profil, sondern auch im ganzen Land Kenia spielt das Christentum eine wichtige Rolle (ca. 80% der Einwohner sind Christen). In jedem noch so kleinen Dorf finden sich an jeder Ecke kleine Freikirchen, die zwar oft nur aus Wellblechhütten bestehen, aber jeden Sonntag mit großen Lautsprecheranlagen (laute) Gottesdienst feiern. Daneben gibt es aber auch größere institutionalisierte Kirchen wie die P.C.E.A. (Presbyterian Church of East Africa), die ebenfalls einen großen Zulauf haben und eine große gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Angelegenheiten, die in Deutschland über den Staat, die Krankenversicherung oder die Diakonie geregelt und finanziert werden, werden in Kenia oft durch die Kirchenmitglieder vor Ort übernommen. So leben viele Menschen in einem engen sozialen Netz quasi mit ihrer Kirchengemeinde zusammen. Eine besondere Erfahrung waren für mich auch die Gottesdienste. Sie haben einen etwas anderen Charakter als der deutsche Landeskirchengottesdienst. So ist es normal, dass ein Gottesdienst auch mal 2-3 Stunden geht (mein „Rekordgottesdienst“ ging 3h und 45 min!), was auch nicht weiter verwunderlich ist, wenn man die vielen (meist auswendig!) gesungen Lieder und Tanzeinlagen mal miterlebt hat. Was bei uns Samstagabend in der örtlichen Dorfdisko passiert, erlebt man in Afrikas Kirchen Sonntagmorgens im Gottesdienst. Lebensfreude, viel Bewegung und natürlich immer die richtige Prise Rhythmus. Lärmpegel inklusive. Dass meine Lanze für eine kurze und bündige Predigt dort ein wenig kritisch gesehen wurde, versteht sich von selbst. Denn in Afrika geht alles etwas „polepole“ („langsam/nicht hektisch“).

Die Gottesdienste und Andachten im Karai-Projekt selbst waren hingegen ein wenig anders. Sowohl zeitlich waren sie sehr auf die Kinder angepasst und meist von den Mitarbeitenden vor Ort oder auch von den Kindern/Jugendlichen selbst organisiert. Auch hier konnte ich mich in der ein oder anderen Predigt und Andacht einbringen und gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen feiern.  Was mich dabei sehr beeindruckt hat, war wie mutig und selbstbewusst einzelne Kinder und Kleingruppen in sog. „presentations“ Lieder auswendig vor der ganzen Gruppe vorsangen und miteinander ihren Glauben lebten. Lieder, Glaubenszeugnisse und Impulse wurden so an die ganze Gemeinschaft weitergegeben und miteinander geteilt.

Weitere Gemeinschaftsaktionen waren natürlich das gemeinsame Essen und die Freizeitaktionen. Im Kinderheim gab es zum Mittagessen immer das obligatorische Githeri (Mais mit Bohnen und etwas Gemüse), das nicht nur ziemlich gesund ist, sondern auch noch ziemlich satt macht. Darüber hinaus habe ich auf dem örtlichen Markt ziemlich schnell gemerkt, dass das afrikanische Essen einiges Leckeres zu bieten hat. Frische Avocados, Mangos und Wassermelonen gehörten genauso dazu wie die vielseitigen Chapati (Maisfladen) oder der allseits beliebte kenianische Chai-Tee.

Da die Schule für afrikanische Kinder unter der Woche jeden Tag von 07:00 Uhr bis 15:00 bzw. 17:00 Uhr geht, blieb nur das Wochenende, um auch mal die ein oder andere Freizeitaktion zu erleben. Mit den anderen Freiwilligen gemeinsam wurden dann gerne die Gesichter mit Wasserfarben angemalt, eine Runde Volleyball gespielt oder eine Wanderung ins nahe gelegene Masai-Land unternommen.

Das Ende meiner Praxisphase war dann leider ziemlich abrupt. War ich in Kenia in Bezug auf die Corona-Pandemie bisher immer auf der Insel der Seligen gewesen und hatte deren Ausbreitung in Deutschland nur aus der Zeitung mitverfolgt, so wurde Mitte März auch in Kenia der erste Fall registriert. Da unklar war, wie lange die Flüge nach Deutschland zurück gehen würden und wie sich das Virus in Kenia ausbreiten wird, war es erforderlich sich möglichst schnell wieder auf den Weg zurück nach Deutschland zu machen.

Wieder zurück in Genkingen blicke ich nun trotz des unerwarteten Endes doch sehr dankbar auf die erfüllte und bereichernde Zeit in Kenia zurück. Viele Begegnungen und Gespräche werden mir lange in guter Erinnerung bleiben. Gerade die Gastfreundschaft, Freude und Herzlichkeit haben mich sehr beeindruckt und hinterlassen bei mir tiefe Spuren.

Wer sonst noch mehr über das Projekt wissen will, oder es unterstützen möchte, der findet unter der folgenden Internetadresse weitere Informationen: www.keniahilfe-schwaebische-alb.de