06.04.20

Trotz großer Distanz nah am Hörer

Eine Übertragung des Deutschlandfunks aus der Pfullinger Martinskirche live miterlebt - eine Reportage von Jürgen Simon

Pfullingen - In großem Kreis stehen neun Personen vor dem Seiteneingang der Pfullinger Martinskirche im hellen Schein der Frühlingssonne. Trotz Versammlungsverbot wegen der Corona-Pandemie dürfen sie das offensichtlich.
»Keine Pausen lassen wie sonst zwischen Redebeiträgen und Musik. Und jede bleibt am eigenen Mikrophon stehen. Wenn die rote Lampe leuchtet, beginnt die Übertragung.« In kurzen Worten ruft die Frau, die sich zuvor als »Lucie Panzer, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg« vorgestellt hat, die wichtigsten Dinge in Erinnerung, wenn es gleich im Kircheninneren losgeht.
Ein Ü-Wagen mit aufgebauter Sendetechnik steht zwischen Paul-Gerhard-Haus und Kirche, auf der Tür der Schriftzug »Deutschlandfunk«. Der Sender überträgt den Gottesdienst zum Palmsonntag live – über das klassische Radio deutschlandweit und über das Internetradio der Deutschen Welle weltweit.

Pfarrerin Dolmetsch-Heyduck auf der Kanzel, Pfarrer Fetzer am Altarmikrofon und Pfarrerin Kuhlmann am Lespult bei der Aufnahme des Gottesdienstes aus der Pfullinger Martinskirche

Das Radioteam zusammen mit Pfarrer Fetzer und Pfarrerinnen Dolmetsch-Heyduck und Kuhlmann vor der Pfullinger Martinskirche und dem Ü-Wagen. Das Foto wurde mit einem starken Teleobjektiv aufgenommen, wodurch die Personen auf dem Bild enger zusammenrücken als sie real standen.

»Wir erinnern uns heute, am Palmsonntag daran, wie Jesus in Jerusalem eingezogen ist, damals bejubelt von einer begeisterten Menschenmenge,« sagt Lucie Panzer in ihren einführenden Worten zu den Radiohörern. »In diesem Jahr sind Menschenmengen nicht erlaubt. Wegen der Corona-Pandemie üben wir das sogenannte social distancing. Auch Versammlungen in Kirchen sind nicht gestattet. Deshalb feiern wir diesen Gottesdienst heute ohne Gemeinde, die Kirchenbänke sind leer. Das ist in der über 500jährigen Geschichte dieser Kirche wohl noch nie vorgekommen.«

Abstand halten ist in der großen Martinskirche kein Problem. Oben auf der zweiten Empore sitzt Organistin Bettina Maier an der Orgel, in einigem Abstand Trompeter Jörg Kleih und die Sopranistin Julia Hinger. Da es keine Gemeindeliturgie gibt, haben die Pfarrerinnen Katharina Dolmetsch-Heyduck und Ulrike Kuhlmann ihre festen Standorte auf der Kanzel beziehungsweise am Lesepult. Pfarrer Hans-Martin Fetzer nimmt das Altarmikrophon. Sie wechseln sich bei den biblischen Texten ab und halten auch die Predigt zu dritt im Wechsel. 

Der stimmliche Wechsel zwischen drei Personen und die Unterbrechung der Predigt durch Musik gliedert die rund 20-minütige Predigt zu einem Text aus dem Markus-Evangelium: Eine nicht näher bezeichnete Frau kommt in die Runde der um Jesus versammelten Männer und salbt ihn mit kostbarstem Öl. Dieses Verhalten empört die Männer, schreibt der Evangelist. Jesus hingegen verteidigt das Verhalten der Frau.

In der Predigt stellt Katharina Dolmetsch-Heyduck die Verbindung zu aktuellen Situation her: »Die Frau unterbricht die Männer, als sie wie gewohnt zusammensitzen. Sind wir vor wenigen Wochen nicht auch unterbrochen worden in unseren Gewohnheiten? Die meisten Menschen reagieren ärgerlich, wenn ihr gewohntes Tun unterbrochen wird. Erst langsam kommt das Verständnis. So war das am Anfang der Corona-Krise auch. Die Leute damals, die mit Jesus im Haus Simons zusammensaßen, waren in dieser Hinsicht wie wir heute. Ihr Ärger war groß, der Ärger über die Unterbrechung, der Ärger über das, was die Frau getan hat, der Ärger über die Verschwendung.«

»Ich kann den Ärger der Leute damals gut verstehen«, wendet Hans-Martin Fetzer ein. »Sie haben sich darüber geärgert, dass die Frau überhaupt nicht wirtschaftlich verantwortungsvoll gehandelt hat. Auch in diesen Zeiten bangen viele Menschen um ihre wirtschaftliche Existenz. Viel Geld von staatlichen Stellen wurde in Aussicht gestellt – aber wird es auch rechtzeitig dort ankommen, wo es so dringend gebraucht wird? Werden diejenigen davon profitieren können, die es am Nötigsten brauchen? Ja, einmal wieder geht es ums Geld. In der Geschichte damals – und heute auch.«

»Die Männer damals sahen nur das verschwendete Geld. Jesus reagiert ganz anders«, wendet Ulrike Kuhlmann ein. »Er verteidigt die Frau gegen den Ärger der Leute. Und er begründet das auch. Jesus sagt in der Geschichte: ‚Arme habt ihr allezeit bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun. Mich aber habt ihr nicht alle Zeit.’ Es kommt auf den richtigen Zeitpunkt an. Es geht darum, zu erkennen, was zu welcher Zeit das richtige Handeln ist. – Ich frage mich, ob wir immer den richtigen Zeitpunkt erkennen für das, was wichtig ist. Noch vor ein paar Wochen, als Corona in unserem Alltag noch kein Thema war, habe ich einen geplanten Besuch immer wieder hinausgeschoben. Jetzt erkenne ich, wie wertvoll und wichtig Begegnungen und Beziehungen sind, und dass ich mir oft zu wenig Zeit dafür nehme.«

In der ersten Bank sitzt die Rundfunkbeauftragte und verfolgt aufmerksam den Ablauf, denn die Live-Übertragung zwischen zwei Nachrichtensendungen erfordert absolute Pünktlichkeit. »Weil es keine Gemeinde gibt, die wegen des Halls in der Kirche langsames Sprechen braucht, um alles zu verstehen, können sie heute in normaler Geschwindigkeit direkt in die Rundfunk-Mikrophone sprechen«, hatte sie den Akteuren noch vor Beginn der Übertragung eingeschärft. 

Trotzdem hat Toningenieur Stefan Heinen nicht nur den Sprechenden und Musizierenden Mikrophone zugeordnet, sondern auch dem Kirchenraum. Die Zuhörer sollen keinen trockenen Studio-Gottesdienst hören, sondern auch das große und menschenleere Kirchenschiff der Martinskirche klanglich erleben. 

Weil nirgendwo in diesen Tagen eine große Gemeinde zusammenkommen kann, sind die Radiohörer die Gemeinde, die sich beteiligen soll. Dazu gibt es Unterstützung aus Pfullingen. Julia Hinger übernimmt neben den solistischen Stücken auch den Gemeindegesang. Mit ihrer klaren und präzisen Stimmführung gibt sie denjenigen, die am Radio mitsingen wollen, musikalische Hilfestellung. Und beim Vater-unser-Gebet sprechen alle drei Geistlichen gemeinsam, um die Radiohörer zum Mitbeten anzuregen. 

Nach dem Segen ist es Organistin Bettina Maier, die zusammen mit Jörg Kleih den Ausgleich schaffen muss zwischen Gottesdienst und Nachrichtenbeginn, denn die Musik zum Ausgang ist der Puffer zwischen der Live-Übertragung aus Pfullingen und dem Sendezentrale in Köln. Das gelingt fast auf den Punkt genau. Die rote Lampe geht aus, die Übertragung ist beendet. Wenn kein social distancing angesagt wäre, würden sich die Beteiligten jetzt erleichtert und freudig in die Arme fallen. So muss es bei einem gegenseitigen Applaus bleiben.

Autor: Jürgen Simon